Ausbildungsfahrt 2004

Von Gudrun Engelhardt

Es ist Samstagmorgen 3.30 Uhr, dunkel, absolut ruhig in Haus und Garten, aber Gert und ich (Gudrun von der Segelkameradschaft Wümme e.V.) springen wie elektrisiert aus den Betten, denn heute beginnt unser erster längerer Törn in Dänemark!
Nach einem kurzen Frühstück werden noch schnell die Zahnbürsten im Gepäck verstaut und dieses ins Auto geladen. Inzwischen ist auch die Sonne aufgegangen, die Vögel fangen an zu zwitschern, der Verkehr auf den Straßen erwacht, es ist kalt, aber unsere Reise beginnt! Endlich!

 

Wir holen als erstes zwei weitere Crewmitglieder, Joachim Eckhard und Bernhard Walter, in Buchholz ab, fahren weiter nach Lübeck, wo unser Skipper Johannes Poppe zusteigt und weiter geht´s nach Puttgarden zur Fähre, die uns nach Rödby-Haven bringt.

Mittlerweile ist es 8.30 Uhr geworden, die Sonne versteckt sich hinter den Wolken, es weht ein kalter Wind, aber wir sind in Dänemark angekommen! Nun müssen wir noch bis Hesnaes (Falster) fahren, wo wir die Heide-Witzka übernehmen werden. Beim Ausladen läßt sich die Sonne kurz blicken und alle freuen sich auf Sonnenschein. Nachdem alles verstaut und unsere Vorräte gebunkert sind, wollen wir einen kurzen Schlag wagen, um das Schiff kennenzulernen.
Aber schon beim Ablegen passiert uns ein Malheur:
Die Achterleine vertörnt sich in der Schraube und nichts geht mehr!!!
Entsetzen und Enttäuschung stehen uns ins Gesicht geschrieben: Der erste Törn und gleich sowas! Oder sollte sich der blöde Spruch bewahrheiten: "Frauen an Bord bringen Kaffee oder Unglück!?"

Jedenfalls ist Bernhard mutig und steigt ins 8°C kalte Wasser, taucht und versucht die Leine loszuschneiden. Er hält es über 5 Minuten aus, aber leider ohne Erfolg. Also geht´s im Sprint ab unter die Dusche und anschließend in warme Klamotten. Zur Aufmunterung und alsTrost gibt es heißen Rum mit Tee.

Nun ist unser Skipper gefordert: Er spricht dänisch, hat ein funktionierendes Handy und muß einen Taucher besorgen. Was ihm auch nach einigen Telefonaten und Besuchen beim Hafenmeister gelingt. Es ist mittlerweile später Nachmittag geworden und es hat angefangen zu regnen. Der Taucher befreit die Schraube ( uns um 200 dänische Kronen ) und läßt das Stück Leine als Andenken da. Es liegt ein paar Tage auf dem Kartentisch herum, landet dann aber doch im Müll.

Das Warten auf den Taucher haben wir mit einer ausführlichen Sicherheitseinweisung sinnvoll genutzt! Jedes Crewmitglied hat darüber hinaus eine persönliche Aufgabe bekommen, die es täglich ausführen muß: Gert ist Co-skipper und Navigator, Bernhard ist zuständig für alle Ventile und Luken, Joachim kontrolliert die Maschine und ich führe das Logbuch.
Nach soviel Aufregung ist es Zeit für Abendessen, Besprechung des ersten Schlags nach Vejrö und in die Kojen kriechen.

Der Sonntag bringt uns 3 - 4 Bft. aus NW und wir setzen nach Auslaufen in Hesnaes die Genua bis zur Einfahrt in den Grönsund. Durch den Sund müssen wir gegen Wind und Wellen bis zur Einfahrt in das Smallandfahrwasser motoren. Hier können wir endlich alle Segel setzen. Da der Wind jedoch stetig zugenommen hat und nun bei 5 - 6 Bft. aus NW bläst, müssen wir die Segel reffen, machen bei ca. 1,5 m hohen Wellen hart am Wind dennoch Speed und Lage und sind zu ersten Mal richtig gefordert und das stundenlang!

Bis dahin war noch alles in Ordnung, aber plötzlich erwischt mich Neptun´s Rache und es hilft auch kein Sherry mehr. Mir ist hundeelend. Jeder Gang zur Toilette wird zu einem wahren Kraftakt: Tief Luft holen und durchatmen, den Niedergang runter, im Salon schon mal das Ölzeug ausziehen, immer festhalten und das Gewicht ausgleichen (trotzdem habe ich etliche blaue Flecken), Klotür auf, rein, Tür zu, festhalten nicht vergessen! Deckel auf, Hose runter, hinsetzen: Leichter gesagt als getan; was bewegt sich? Das Klo? Ich? Das Schiff? Oder alles? Irgendwie schaffe ich es doch immer und bin froh, wenn ich nach etlichem Hin und Her, rauf und runter, rein und raus wieder an Deck und an der frischen Luft bin.

- Das erste Mal zuhause habe ich natürlich auch die Griffe zum Festhalten neben dem Klo gesucht und mich gewundert, daß sich unter mir nichts bewegt. -

Nach ca. 42 sm entschädigt uns die Insel Vejrö mit ihrer Ruhe und Idylle ( nur zwei ständige Bewohner) und außer uns sind nur noch zwei andere Schiffe da. Das Abendessen beruhigt Magen und angespannte Nerven und so geht es recht früh in die Kojen.

Am Montag war etwas Erholung angesagt: Wir übten alle möglichen und unmöglichen Hafenmanöver, genossen das schöne Wetter und segelten nachmittags rund Vejrö bei leichtem Wind 2 - 3 Bft. aus NW. Am Nachmittag brechen wir zu einer Inselerkundung- bzw. umrundung zu Fuß auf. Unser Skipper (als Alter Fallschirmspringer) wollte "mal eben schnell" bis zum Flugplatz am Strand entlang gehen. Und so gingen ..... und gingen ..... und gingen wir immer hinter dem Skipper her, bis wir nach über 2 Stunden schließlich dort ankamen. Zurück bis zum Hafen durften wir dann noch einmal ca. ½ Stunde marschieren. Nun taten uns die Füße weh (Seeleute sind nun mal nicht so gut zu Fuß) und es half nur ein Schlummertrunk und schlafen. Beim nächsten Besuch gehen wir gleich andersherum!
-Navigieren an Land ist wohl doch etwas anderes als auf See !!!!-

Geplant hatten wir ja eigentlich einen Törn rund Seeland einschließlich Nachtfahrt. Dieses Vorhaben mußten wir aufgeben, da der Wind weiterhin stetig aus NW blies und der Wetterbericht auch keinen Westwind versprach. Also änderten wir den Kurs und segelten durch den Masnedsund, vorbei an Mön, in den Bögestrom zunächst raumschots bei 3 - 4 Bft. und ca. 1 m hoher Welle im Schaukelkurs durch das immer enger werdende Fahrwasser mit dem Ziel Rödvig. In der Faksebucht frischte der Wind weiter auf 5 - 6 Bft. auf und so erreichten wir eine Spitzengeschwindigkeit von über 8 Knt. beim Surfen auf der Welle.
Für eine Trainingsfahrt mit "Segelanfängern" echt Spitze und das ist wirklich kein Seemannsgarn!

Nach anstrengenden knapp 50 sm erreichten wir schließlich Rödvig bei eisigem Wind, aber herrlichem Sonnenschein. Wir aßen die teuersten Brathähnchen mit Pommes sämtlicher bisheriger Törns und zum ersten Mal ( aber nicht einzigen Mal) leckeres dänisches Softeis mit Schokostreusel (sehr zu empfehlen). Das allein entschädigte für vorangegangene Strapazen.

Am Mittwoch legten wir früh in Rödvig ab mit dem Ziel Flakfort. Es ging quer durch die Kögebucht mit 3 - 4 Bft. aus NW mit Halbwind unter Vollzeug.
Von diesem Schlag gibt es nicht besonderes zu berichten, es war angenehmes Segeln für alle.
Am frühen Nachmittag kamen wir auf Flakfort an. Der Hafen gehörte uns wieder fast alleine und so konnten wir uns den besten Liegeplatz aussuchen. Natürlich vies á vies von Dusche und Toilette.

Anschließend besichtigten wir die Insel mit der ehemaligen Bastion. Erbaut wurde sie zum Ende des 18. Jahrhunderts als Festung zur Sicherung des Festlandes. Später wurde sie als Beobachtungs- und Gefechtsstation während der Weltkriege genutzt. Man kann heute noch die unterirdischen Bunker und Gänge auskundschaften (Taschenlampe nicht vergessen). Im Moment werden die alten Gebäude zu Restaurations- und Tagungsräumen mit Übernachtungsmöglichkeiten umgebaut und renoviert. Wenn es fertig ist, wird es bestimmt einmal sehr ansprechend und einladend sein und läßt dann doch noch etwas von der Vergangenheit erahnen.
Auf dem höchsten Punkt der Insel genossen wir einen grandiosen Rundblick Richtung Schweden mit dem Fahrwasser des Öresund sowie der dänischen Hauptstadt Kopenhagen auf der gegenüberliegenden Seite..
Abschließend klarten wir das Schiff für die Nachtfahrt auf und gingen "früh" schlafen.

Um Mitternacht ging es von Flakfort durch das Fahrwasser des Öresund nach Helsingör. Als 1. Wache waren Bernhard und Joachim von 0.00 bis 2.00 Uhr eingeteilt, anschließend Gert und ich von 2.00 - 4.30 Uhr.
Nachts zu fahren ist wirklich ein Erlebnis: Du kommst aus dem Niedergang heraus, um dich herum ist es stockdunkel, aber die Küstenstreifen in weiter Entfernung sind hell erleuchtet, überall um dich herum blinken rote, grüne und weiße Lichter oder Feuer. Im ersten Moment ist es irritierend, aber nach einigen Augenblicken kannst du genau ausmachen, was welches Licht bedeutet und findest dich schnell zurecht.
Am spannensten ist es, wenn die großen Frachter vorbeirauschen. Kaum hast du sie ausgemacht, verfolgst du sie kurz mit den Augen und schon sind sie wieder vorbei!
Eine Nachtfahrt sollte jeder einmal erlebt haben, sie ist spannend, aufregend und lehrreich zugleich!

Der Hafen von Helsingör war ziemlich voll und wir suchten einen geeigneten Liegeplatz, fanden ihn schließlich und krabbelten nach einer heißen Brühe noch ziemlich durchgefroren und müde in unsere Schlafsäcke.

Am folgenden Vormittag hatten wir 2 - 3 Bft. aus N und Sonnenschein. Also beschlossen wir den Blister zu setzen und segelten so durch den Sund nach Kopenhagen ( Christianshaven). Dort trafen wir am späten Nachmittag ein, fanden einen schönen Liegeplatz mitten in der Stadt, machten uns landfein und erkundeten Kopenhagen's Altstadt.

Unser 7. Tag begann wieder mit wenig Wind < 2 Bft. aus nördlicher Richtung und viel Sonne. Deshalb übten wir Ankermanöver vor der Küste und spinnakerten im Öresund, um nach Dragör zu kommen. Damit haben wir alle wichtigen Manöver gefahren, auch wenn es manchmal "einiger Überredungskünste" seitens Gert´s bedurfte. Letztendlich war unser Skipper doch bereit, alles mit uns zu üben. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, Johannes!

In Dragör angekommen erkundeten wir nach einer kleinen Verschnaufpause das Städtchen, gönnten uns ein letztes dänisches Softeis und begannen mit dem Großreinemachen und Packen. Unser Skipper verließ uns bereits an diesem Abend (er hatte noch eine andere Verpflichtung) und so genossen wir anschließend einen stillen Hafenabend mit einem herrlichen Sonnenuntergang, ein wenig Wehmut stieg in uns auf, aber wir trösteten uns mit der Hoffnung auf einen neuen Törn.

Am Samstagmorgen kam unsere Nachfolgercrew, übernahm das Schiff und wir machten uns auf den Heimweg.
Trotz allem waren wir froh Samstagabend zuhause zu sein, wieder einmal richtig Platz im Bett zu haben und sich nirgends anzustoßen!

Gert und mich hat der Virus des "Dickschiffsegelns" nun endgültig gepackt, auch sind mir schon leichte "Seebeine" gewachsen. Bereits nach zwei Tagen zuhause packte uns wieder das Fernweh und wir begannen unseren ersten Alleintörn zu planen. Diesen haben wir für Ende Juni ab Heiligenhafen gebucht. Mal sehen, wohin der Wind uns dann weht .....!?

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß beim Lesen, konntet mein Leiden und Freuden ein wenig nachempfinden und freut Euch auf weitere Berichte ähnlicher Törns.

In diesem Sinne wünscht "Mast- und Schotbruch und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel"

Gudrun Engelhardt

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